[Artikel] Das Kommunikationsdesaster der CDU

  • Das Kommunikationsdesaster der CDU


    Vorab: es geht mir nicht um die politische Position der CDU, sondern nur um ihr Marketing Desaster. Der politische Diskurs muss dringend geführt werden – TubePro ist dafür aber der falsche Ort.


    Angefangen hat alles mit einem stündigen Video von Rezo. Es wurde auf seinem damals 600k starken Zweitkanal eine Woche vor den EU-Wahlen veröffentlicht und trägt den Titel «Die Zerstörung der CDU.»

    Darin beschäftigt er sich, gestützt auf unzählige Quellen, mit dem Handeln der CDU bzw. der Regierung unter Merkel. Ein besonderer Fokus wird dabei auch auf das Thema Klimakrise gelegt.

    Und nun beginnt das Desaster: Als einer der ersten CDUler äussert sich der Bundesvorstand der Jungen Union Marian Bracht drei Tage nach Upload zu Wort und wirft ihm «unsaubere Recherche,

    einseitige Darstellung & viel Clickbaiting»[1] vor. Am gleichen Tag äussert sich auch der CDU Bundestagsabgeordnete Hauer in einem Tweet, welcher sich offensichtlich auf Rezo bezieht:

    «Reißerisch präsentierte #FakeNews haben oft mehr #Reichweite als sorgfältig recherchierter #Qualitätsjournalismus - das ist leider keine Ausnahme mehr.»[2]


    Daraufhin beginnt die Stimmung auf Twitter erstmals hochzuköcheln. Dass Rezo kein Journalist ist, hat man in der CDU/CSU vermutlich noch nicht begriffen, und das wird sich in nächster Zeit auch nicht ändern.

    Vier Tage nach Upload äussert sich der Generalsekretär der CDU zu Wort: «Jeder […] sieht: Das ist eigentlich eine Vermischung von ganz vielen Pseudofakten.»[3]

    Der Shitstorm nimmt langsam Fahrt auf, auch die ‘klassischen’ Medien beginnen, das Thema aufzugreifen. Dieses Statement ist insofern bemerkenswert, als dass der Generalsekretär oftmals die Parteiposition ausspricht.

    Am selben Tag wird ein Antwort-Video vom CDU Abgeordneten Amthor angekündigt. Dieses wird auch produziert und eine Veröffentlichung später von Mittwochnachmittag auf Mittwochabend verschoben.

    Twitter kocht und #Amthor schafft es in die Trends – die User spotten über ein Video, das noch nicht erschienen ist.


    Der Parteivorstand verhindert eine Veröffentlichung des Videos, aus Angst, der eigene Generalsekretär Ziemiak würde damit politisch geschädigt.[4]

    Damit hätte die Sache eigentlich erledigt sein können – wäre da nicht die CDU Vorsitzende Kramp-Karrenbauer (AKK): «Ich habe mich gefragt, warum wir nicht eigentlich auch noch verantwortlich sind für die sieben Plagen,

    die es damals in Ägypten gab.»[5] Diese bibeltechnisch falsche Aussage der Vorsitzenden der Christlich Demokratischen Union sorgt für unendlich viel Häme & Spott in den sozialen Netzwerken.


    Amthor reagiert am Tag darauf mit den Worten, dass ein «Video mit dem Anspruch einer Zerstörung» nicht dem Stil der CDU entspräche[6] und verweist auf den von Ziemiak vorgeschlagene Treffen[7],

    welches den von der CDU gewünschten Dialog bringen würde.

    Am gleichen Tag (23. Mai) postet die CDU ein Bild mit dem Inhalt «Wer hat ‘Atomkraft? Nein Danke.’ Realität werden lassen?»[8]. Diese faktisch falsche Behauptung fliegt ihnen wiederum um die Ohren.

    Die CDU veröffentlicht ebenfalls ein elfseitiges PDF[9] als Antwort an Rezo. Zwei interessante Punkte daraus: «In unserem freien Land darf jeder seine Meinung äußern, Gott sei Dank.» und

    «Die Währung von YouTubern sind Klickraten. Die Währung einer Volkspartei wie der CDU ist Vertrauen.» Dass Rezo das nicht wegen Klicks macht, lässt sich alleine dadurch widerlegen, als dass er es auch auf seinem

    wesentlich grösseren Hauptkanal hätte veröffentlichen können, es aber nicht getan hat. Das fehlende Vertrauen in die CDU ist ironischerweise auch ein Kritikpunkt von Rezo – dass die CDU sich nun gerade damit brüstet,

    ist sicherlich nicht förderlich!


    Am 24. Mai doppelt Rezo nach, indem in einem Video über 70 bekannte YouTuber ihn in seiner Kritik unterstützen. Zwei Tage später kommt die Europawahl, und die CDU verliert 7.4%[10].

    In einem schnellen Fehlschluss wird vielerorts auch aus der Partei vom ‘Rezo Effekt’ gesprochen, der für das schlechte Wahlergebnis verantwortlich sein soll. Dass Rezo aber lediglich eine potenziell schlechte Politik der CDU

    aufgezeigt hat, und diese letztlich der Grund für die Wahlniederlage sein könnte, fällt ihnen nicht ein.


    So weit so gut, würde AKK nicht zwei Tage später wieder für negative Schlagzeilen sorgen – international. «Als die Nachricht kam, dass sich eine ganze Reihe von YouTubern zusammen geschlossen haben,

    um einen Aufruf zu starten; Wahlaufruf gegen CDU und SPD – habe ich mich gefragt: was wäre eigentlich in diesem Land los, wenn eine Reihe von 70 Zeitungsredaktionen zwei Tage vor der Wahl erklärt hätten: ‘Wir machen

    einen gemeinsamen Aufruf <wählt bitte nicht CDU und SPD>’ – das wäre klare Meinungsmache vor der Wahl gewesen.»[11]

    Das stimmt, ist aber nicht verboten. Leider wird Rezo wiederum mit Journalisten gleichgesetzt. Dennoch stellt sich AKK die Frage, welche Regeln aus dem analogen Bereich auch für den digitalen Bereich gelten müssten.

    Diese nicht harmlose, aber auch nicht radikale Forderung wird auf Twitter mit Zensurvorwürfen kommentiert. Anstatt es auch hier sein zu lassen, reitet sich AKK weiter ins Fettnäpfchen, indem sie tweetet:

    «Es ist absurd, mir zu unterstellen, Meinungsäußerungen regulieren zu wollen. Meinungsfreiheit ist hohes Gut in der Demokratie. Worüber wir aber sprechen müssen, sind Regeln, die im Wahlkampf gelten.»[12]


    Die Ironie der Geschichte: die CDU hat für die Europawahl selber mit Influencer geworben![13]


    Mit den geforderten Regeln, die eigentlich nichts anderes als eine Beschneidung der Meinungsäusserungsfreiheit sein können, giesst sie weiter Benzin ins Feuer. Das Kommunikationsdesaster ist perfekt – alle Medien berichten

    über eine AKK, die offenbar die Meinungsfreiheit beschränken will.


    JUSO-Chef Kevin Kuehnert hat das Desaster bei Maischberger sehr schön zusammengefasst: «Nur die Hälfte der Wirksamkeit ist das Video selbst und sein Inhalt. Die viel grössere Wirksamkeit ist die Bestätigung

    von wesentlichen Thesen des Videos […] durch die Reaktion selbst, die Unbeholfenheit, mit der reagiert wird.» [14]


    Die CDU hat nicht begriffen, wie das Internet funktioniert und wie man nicht agieren sollte. Sie vergisst dabei insbesondere, dass falsche Fakten jederzeit

    überprüfbar & korrigierbar sind - durch jeden. Man verliert die Deutungshoheit, wie die CDU sie beim Atomkraft-Post gerne gehabt hätte.

    Es ist wichtig, ein klares Krisenkonzept zu haben - und möge es darin bestehen, dass man das Video ignoriert. Mit abstrusen Theorien, Vorwürfe mit 'Fake News' und 'Pseudofakten' zu kontern, ohne Beweise zu liefern, ist fatal.

    Ob ein elfseitiges PDF eine angemessene Antwort darstellt, darüber lässt sich streiten. Sicherlich sollte man jedoch die Inhalte nicht nur als PDF verbreiten, sondern diese zB. auch in Videoform aufarbeiten - wie ursprünglich geplant.



    Unabhängig der Inhalte lässt sich abschliessend sagen, dass die CDU verzettelt, konzept- & orientierungslos reagiert hat und es stets schaffte, in weitere Fettnäpfchen zu treten. Manchmal ist kein Kommentar eben doch besser.



    Quellen, abgerufen am 30.5.19:

    [1] https://twitter.com/MarianBracht/status/1130742405043560449

    [2] https://twitter.com/MatthiasHauer/status/1130619508509556736

    [3] https://twitter.com/ARD_BaB/status/1131165220154556416

    [4] https://www.watson.de/deutschl…-wurde-das-video-abgesagt

    [5] https://www.sueddeutsche.de/po…-philipp-amthor-1.4458348

    [6] https://www.youtube.com/watch?v=DEKzmztBZNI

    [7] https://twitter.com/PaulZiemiak/status/1131498592148103168

    [8] https://twitter.com/CDU/status/1131562260609024001

    [9] https://www.cdu.de/sites/defau…e-wir-die-sache-sehen.pdf

    [10] https://wahl.tagesschau.de/wahlen/2019-05-26-EP-DE/

    [11]https://www.youtube.com/watch?v=7eAMPy3H6mQ

    [12] https://twitter.com/akk/status/1133057501111496709

    [13] https://twitter.com/_phaible/status/1133372932477128704

    [14] https://youtu.be/SvFGi4R1xKY?t=1763

  • Die Geschichte geht weiter: nun will die CDU tatsächlich eigene Influencer aufbauen, die «weniger vorgeprägt denken» würden.[1]

    Dass das Problem möglicherweise nicht bei der Kommunikationsart der Argumente liegt, sondern die Leute inhaltlich nicht zufrieden sind, haben sie wohl immer noch nicht begriffen.

    Auch der 'Rezo-Effekt' wird offenbar weiterhin massiv überschätzt – aber er ist halt eine angenehme Entschuldigung, um an der gegenwärtigen Politik festzuhalten und sich so eine simple Entschuldigung für die Wahlschlappe einreden zu können.


    Markus Beckedahl von Netzpolitik.org hat das Debakel schön zusammengefasst: «Influencer sind für die CDU nur gut, wenn sie für die CDU mobilisieren»[2]


    Quellen, abgerufen am 2.6.2019:

    [1] https://www.heise.de/newsticke…gen-streamen-4436755.html

    [2] https://netzpolitik.org/2019/i…uer-die-cdu-mobilisieren/

  • Die bewegen sich auf ein Terrain welches sie durch ihre großen Themen rund um die DSGVO ganz schön durchgeschaukelt haben. Freunde suchen sie vergebens; die machen sich unfassbar angreifbar, zumal man deren Inkompetenz schon seit Jahren mitbekommt.